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Berliner Morgenpost

vom 11. März 2006

Rückenschule und Pilates - Für Muskeln und Wirbelsäule ist Bewegung die beste Medizin

Von Angelika Friedl

Vielleicht brauchte schon homo erectus, ein Vorfahre des Menschen, einen starken Rücken. Mit ihm haben wir nicht mehr allzu viel gemeinsam, dank eines größeren Hirnvolumens und einigen anatomischen Unterschieden. Aber auch homo erectus ging schon aufrecht. Und der aufrechte Gang hat dem Menschen Vorteile gebracht, schließlich hat er sich im Laufe der Evolution durchgesetzt. Wo aber viel Licht ist, gibt es bekanntlich auch viel Schatten. Im Falle der Wirbelsäule heißt dieser Schatten L5/S1.

 

Auf diesen empfindlichen Punkt zwischen untersten Lendenwirbel und obersten Kreuzbeinwirbel drückt die meiste Kraft - sowohl vom Becken her, wenn wir uns aufrichten oder Lasten tragen, als auch durch das Gewicht des Oberkörpers. Kein Wunder also, daß etwa zwei Drittel aller Rückenbeschwerden ihren Ursprung in der unteren Lendenwirbelsäule haben.

Medizinisch unterscheidet man zwischen chronischen unspezifischen Beschwerden, die weitaus häufiger sind, und strukturellen Beschwerden, wie zum Beispiel einem angeborenen Gleitwirbel oder einer gestörten Beckenstatik. "Bei Rückenschmerzen sollte man erst mal die Diagnose medizinisch absichern lassen. Auf der Diagnose baut dann die Therapie auf", sagt Professor Frank Mayer, Direktor des Institutes für Sportmedizin und Prävention an der Universität Potsdam. Was aber macht den Rücken stark? "Im wesentlichen gibt es zwei Methoden, einmal funktionelle Übungen, um die Muskeln zu kräftigen, zum anderen sogenannte sensomotorische Übungen, um die Wirbelsäule zu stabilisieren."

Bewegung ist Leben. Ohne ausreichende Bewegung verkümmern nämlich Muskeln, "rosten" Wirbelgelenke und werden Wirbelkörper porös. Es gibt mittlerweile zahlreiche Trainingsmethoden, die Rückenschmerzen vorbeugen oder verhindern sollen, daß sie je wieder auftreten. "Wenn keine Beschwerden vorliegen, sollte meines Erachtens nach jeder selbst entscheiden, welche Form des angebotenen Trainings ihm am meisten liegt. Aber bei einem strukturellen Leiden ist medizinische Begleitung unbedingt erforderlich", empfiehlt Professor Mayer.

Eines der beliebtesten Fitnessprogramme ist seit einigen Jahren das Pilates Training. Seit sich Madonna, Uma Thurman und Barbara Becker als Fans outeten, begannen sich auch weniger prominente Zeitgenossen dafür zu interessieren. Aber Pilates gibt es schon seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, und Tänzer, Schauspieler und Sportler haben die Methode schon lange Zeit genutzt, um ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern. Beim Besuch eines Pilates-Zentrums fallen einem zunächst die Geräte in die Augen. Viele sind mit starken Federzügen ausgerüstet. Ein Gerüst ähnelt gar einem Krankenhausbett, wie man es von früher kennt. Cadillac heißt es, an der Liege sind vier Stangen angebracht, die am oberen Ende durch horizontale Stangen miteinander verbunden sind. "Das ist schon richtig, daß einen der Cadillac an ein Lazarettbett erinnert", erzählt Paul Kramer vom Pilates Zentrum an der Pappelallee in Prenzlauer Berg. "Joseph Pilates hat erkannt, daß Kriegsverletzte schneller gesund werden, wenn sie schon im Lazarett mit Übungen beginnen. Er hat dann ausrangierte Betten einfach umgebaut."

Bei Pilates arbeitet man hauptsächlich mit drei Muskelgruppen: den Beckenbodenmuskeln, den Bauchmuskeln und ihren Gegenspielern im Rücken. "Ziel unseres Trainings ist eine stabile Körpermitte, wir nennen das Powerhouse. Wenn wir die tieferliegenden Muskeln erreichen, macht das den ganzen Körper straffer und flexibler", meint Kramer.

Wer unter Schmerzen oder Beschwerden leidet, vermeidet verständlicherweise Bewegungen, die unter Umständen schaden könnten. Dieser Angst vor Bewegung hätten sich viele traditionelle Rückenschulen angepaßt, rügt eine Studie, die das sportwissenschaftliche Institut der Universität Erlangen im vergangenen Jahr veröffentlichte. Verhaltenstips, die Bewegung nicht unterstützen, würden die Patienten in ihrer Schonhaltung nur bestärken.

Etwa ab dem dreißigsten Lebensjahr trocknen die Bandscheiben langsam aus und mit fortschreitendem Alter schrumpft der Mensch um einige Zentimeter. Das sind unerfreuliche Aussichten. Die gute Nachricht: Mit einem gezielten Bewegungstraining richtet sich die Wirbelsäule wieder auf, darauf weisen Untersuchungen hin. Bewegung scheint für den Menschen die beste Medizin zu sein. Und auf Dauer sicher die billigste.